Ansichtskarten im Ersten Weltkrieg
Geschichte der Ansichtskarte
Zunächst als Correspondenzkarte bezeichnet, wird die Postkarte 1870 im Gebiet des Norddeutschen Bundes eingeführt. Allein am ersten Verkaufstag werden in Berlin über 45.00 Exemplare verkauft.
Ihr Erfolg wird vor allem durch die steigende Mobilität der Menschen im späten 19. Jahrhundert begünstigt. Während es früher vor allem in wohlhabenden oder gebildeten Kreisen üblich, dass Familienangehörige und Freunde über größere Entfernung hinweg leben oder Reisen unternehmen, ändert sich dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Eisenbahn erleichtert das Reisen und sorgt auch für schnellere und zuverlässige Postzustellungen. 1905 wird im Deutschen Reich das bis heute gängige Postkartenformat festgelegt, bei dem die Vorderseite dem Bild vorbehalten ist und die Rückseite der Beschriftung mit Nachricht und Adresse dient.
Als ein schnelles Kommunikationsmittel für kurze und prägnante Nachrichten, das auf die umständlichen Höflichkeitsfloskeln der traditionellen Briefe verzichtet, kann die Postkarte als eine frühe Form der SMS oder des Social-Media-Posts angesehen werden. Ähnlich wie bei der heutigen Diskussion über soziale Medien stößt auch die Einführung der Postkarte in bestimmten Kreisen auf Ablehnung. Einige sorgen sich um das Briefgeheimnis. Andere befürchten, dass die kurzen Texte die Schreibkunst und damit die Sprachkultur negativ beeinträchtigen könnten. Die Postkarte setzt sich jedoch schnell durch. Gerade die Möglichkeit, mit wenig Aufwand kurze Mitteilungen zu verschicken, die sprachlich nicht besonders anspruchsvoll sein müssen, macht Postkarten für die breite Bevölkerung attraktiv.
Gruß- und Glückwunschkarten werden zu jeder Gelegenheit verschickt. Die abgebildeten Bildthemen umfassen eine unerschöpfliche Bandbreite von Landschaften, Monumenten, Kunst, historischen Ereignissen sowie privaten Porträts.
Deutschland spielt lange Zeit eine führende Rolle in der Postkartenindustrie. Um 1897 gibt es 12 Unternehmen, die sich ausschließlich der Herstellung von Ansichtskarten widmen und etwa die Hälfte ihrer Produktion ins Ausland exportierten. Die Blütezeit der Ansichtskarte liegt zwischen 1885 und 1918. In den Städten werden damals täglich bis zu elf Zustellungen vorgenommen, sodass man sich sogar mittags per Postkarte zum Kaffee verabreden konnte. Allein im Jahr 1900 befördert die Reichspost 440 Millionen Ansichtskarten. Schon damals macht der Begriff der „Bilderflut“ die Runde. Erst mit der rapiden Zunahme der Telefonanschlüsse nach dem Ersten Weltkrieg begann die Nutzung der Postkarte allmählich zu sinken.
Die Postkarte gewinnt während der Kriege an großer Bedeutung als Kommunikationsmittel, da sie den Kontakt zwischen Soldaten und ihren Angehörigen ermöglicht. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verschicken deutsche Soldaten insgesamt etwa 10 Millionen Feldpostkarten. Während des Ersten Weltkriegs sind es täglich 7-8 Millionen Briefe und Postkarten, die von den Soldaten verschickt werden und 9 Millionen, die aus der Heimat eintreffen. Insgesamt transportieren die Postdienste im Ersten Weltkrieg 28 Milliarden Sendungen. Die deutschen Soldaten, oft Zivilisten in Uniform, bleiben stark mit ihrer Heimat verbunden. Der ständige Kontakt zu ihren Familien ist entscheidend für ihre Moral, weshalb die Behörden den Briefverkehr bis zum Kriegsende aufrechterhalten, selbst unter schwierigen Bedingungen.
Mennonitische Ansichtskarten
Prinzipiell unterscheidet sich die Kriegsbegeisterung und die nationale Stimmung innerhalb der mennonitischen Gemeinden nicht von der Kriegsbegeisterung im Kaiserreich. Die Mennoniten sind patriotisch und kaisertreu. as Kriegserlebnis selbst wird idealisiert und religiös überhöht. Der Krieg ist von Gott vorbestimmt. Die Kriegsbeteiligung ist moralisch gerechtfertigt und Teil eines höheren göttlichen Plans war.
Die Postkarten aus dieser Zeit spiegeln dies wider und zeigen eine Vielzahl von Soldaten-Motiven, Kriegsschauplätze, patriotische Symbole, humorvolle Szenen und Propaganda. Sie dienen nicht nur der Kommunikation, sondern auch der moralischen Unterstützung und der Werbung für den Kriegseinsatz.
Auf den Kunstkarten wird oft ein idealisiertes Bild des Soldatenlebens vermittelt, das mit Gedichten oder Sprüchen ergänzt wird, welche die emotionale Verbindung zwischen Heimat und Front betonen.
Liebe Ina,
Bin seit 2 Monaten wieder im Felde in meiner alten Kompagnie bei Erich. Befinde mich noch wohlauf. Sende Dir sowie Deinen lieben Eltern und Geschwistern die herzlichsten Grüße, Lothar.
Wo ist zur Zeit Hans und wie geht es ihm? Wie lautet bitte seine Adresse?
Unteroffizier und Offiziers-Aspirant Ellenberger bei 9/23 Infanterie-Regiment
Die Motive der Fotopostkarten sind meist nachgestellt und zeigen das Alltagsleben in der Etappe. Oft vermitteln sie einen friedlichen Eindruck des Krieges.
Die Postkarten werden auch dazu genutzt, um den Kontakt zu flüchtigen Bekanntschaften zu pflegen. Wohltätige Organisation und Zeitungen ermutigen die Bevölkerung, insbesondere Frauen dazu, Briefe an Soldaten zu schreiben. Solche Aufrufe tragen dazu bei, dass viele Soldaten regelmäßig Post erhalten – selbst jene, die keine eigene Familie haben, die ihnen schreiben könnte.
Des Weiteren dokumentieren Postkartenaufnahmen die Zerstörung durch die deutschen Truppen an der Westfront- oft beiläufig, in einer Art Stillleben. Die Verwüstungen werden als unvermeidliche Kriegsfolge eher nüchtern registriert, während die verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung gänzlich ausgeblendet bleiben.
Typisch für die Texte auf den Postkarten sind die präzise Datierung sowie der Vermerk, ob und wann die letzte Post aus der Heimat eingetroffen ist. Zudem enthalten sie oft detaillierte Angaben zur militärischen Einheit des Absenders – etwa Regiment, Kompanie oder Division. Diese Informationen ermöglichen eine genaue Zuordnung und erleichterten die Zustellung der Feldpost.
Zwischen Löwen und Brüssel, Samstag früh 11:00.
Liebe Hilda,
auf der Fahrt durch unser Deutschland (vorab Landes des Königs der Belgier) Dir und allen Lieben in der Anstalt und auf dem Weierhof die allerbesten Grüße. In Löwen hat es zum Teil arg bös ausgesehen. Eben fahren wir durch Schlachtfelder vom vorigen Jahr und vielen Heldengräbern vorbei.
In Treue, Dein Erich. (4.9.1915)
Typische Darstellungen auf Postkarten waren die kaiserliche Familie oder führender Militärpersönlichkeiten. Diese Karten dienten dazu die Loyalität gegenüber der Kaiserfamilie zu unterstreichen, den Patriotismus zu stärken und eine positive Bild der militärischen Führung zu vermitteln.
Ansichtskartensammeln und Gedenkbücher
Die Ansichtskarte wird nicht nur als Kommunikations- und Propagandamittel genutzt, sondern dient auch als Sammelobjekte. Die Freizeitbeschäftigung des Ansichtskarten-Sammelns (Philokartie) entwickelt sich aus dem Briefmarkensammeln und wird von ernsthaften Philatelisten zunächst belächelt.
Bald schon versuchen Vereine und Sammlermagazine belehrend und aufklärend auf die Sammler zu wirken und das Sammeln in die „richtige Bahn zu lenken”, wie 1901 in der Satzung des Centralverbandes für Ansichtskarten-Sammler zu lesen ist. Die Pflege und der Erhalt von Postkarten wird dort genau beschrieben, wie die genau beim geordneten und systematischen Sammeln vorzugehen ist.
Die Professionalisierung des sogenannten Ansichtskarten-Sammelsports führt dazu, dass die ursprünglichen Sammelkästen durch spezielle Alben ersetzt werden. Im Jahr 1897 gibt es im Deutschen Reich bereits 60 Fabriken, die Postkartensammelalben herstellen. Es ist üblich, die Alben auf dem Wohnzimmertisch zu zeigen. Zudem werden spezielle, nummerierte Postkartenserien herausgegeben, die nicht unbedingt zum Verschicken gedacht sind.
Das Sammeln von Postkarten ist besonders bei jungen, gebildeten Frauen beliebt und ist eine Art der Freizeitgestaltung. Der Austausch mit anderen ermöglicht es, neue Kontakte zu knüpfen. Zudem bieten das Sammeln und Archivieren von Ansichtskarten die Möglichkeit, sich mit aktuellen Themen zu beschäftigen und einen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden.
Neben den Postkartenalben entstehen auch persönliche Erinnerungsalben. Ein Beispiel dafür ist das Gedenkalbum von Else Löwenberg aus dem Ersten Weltkrieg. Darin sammelt sie Postkarten, Bilder, Briefe und Zeitungsausschnitte – Dokumente, die sie als erinnerungswürdig erachtet. Als Zeitdokument bietet diese Sammlung einen eindrucksvollen Einblick in ihr persönliches Umfeld und ihre Wahrnehmung des Ersten Weltkrieg.